Hallo ihr alle! Ewig ist es her, dass ich geschrieben habe. Das lag nicht daran, dass ich nichts erlebt habe, und auch nicht, dass ich keine Lust hatte. Es war hauptsächlich so, dass ich nicht genau wusste, ob es sich „lohnt“, die Dinge, die ich erlebt habe, aufzuschreiben, und immer wenn ich dachte „komm, jetzt musst du mal wieder“ ergab sich etwas, sodass ich keine Zeit mehr hatte und das ganze Spiel von vorne anfing. Während ich das schreibe, fühle ich mich, als würde ich Herrn Wind erklären, wieso ich die Mathehausaufgaben wieder nicht gemacht habe 😀 Aber das Schreiben hier soll für mich nicht zur Pflicht werden. Ich will schreiben, wenn ich mich danach fühle. Und deswegen schreibe ich jetzt – ich hab Bock 🙂
Ich bin am fünften oder sechsten Dezember in Calgary gelandet. Als ich auf mein Gepäck wartete, stand plötzlich Felix neben mir! Viel besser kann man Flüge nicht timen 😀 Gbald war mein Gepäck da, und ich durfte die frohe Nachricht überbringen, dass wir von Emma und unserem Vermieter abgeholt werden, also nicht in die Kälte müssen, die mit -25° wirklich kein Spaß mehr war. Felix schien sich zu freuen, und als mein Handy klingelte und Emma sagte, Tommy sei zu besoffen, um zu fahren, tat es mir fast leid, es ihm überhaupt gesagt zu haben! 😀 Also mussten wir uns den Weg mit Bussen suchen, was im Endeffekt auch okay war. Aber das Handy kann man wirklich nicht lange in der Hand halten bei diesen Temperaturen, nach 10 Minuten wird es sogar irgendwann gefährlich!
Unser Zimmer was absolut okay! Es war im Keller, es war sehr eng, aber für die Miete hätte ich beinahe alles genommen. Das Zimmer war von den Mädels so gut hergerichtet worden, wie es mit den wenigen Utensilien, die Reisende zur Verfügung haben, nur ging. Die beiden Kanadier, Rob und Tommy, liefen in meinen Augen absolut am leben vorbei und besonders Rob schien sich nicht besonders zu freuen, dass noch zwei Deutsche dazugekommen waren. Mein Bild hat sich in den letzten Wochen heftigst verändert. Die Beiden laufen nach wie vor am Leben vorbei, sind aber absolut liebe Seelchen, ehrlich zu jedem außer sich selbst. Ich hatte viel Spaß bisher hier drüben, aber meinen ersten und bisher einzigen Lachflash hatte ich mit Rob!
Das Haus stand etwa 15-20 Autominuten von Downtown entfernt und hatte ein kleines Bad, eine spartanisch eingerichtete Küche und ein verwunderlicher weise sehr geschmackvollem Wohnzimmer mit Dartscheibe, Gong, Anlage und 44 Aschenbechern – alles was man braucht. An guten Tagen tranken die Beiden jeweils locker 10 Dosen Bier, an schlechten hörte man es minütlich aus einer Ecke zischen. Nochmal, ich fand die Jungs absolut spitze und sie haben mir nach kleinen Anlaufschwierigkeiten immer das Gefühl gegeben, mich gerne dazuhaben! Das war gut!
Die ersten Tage waren wir zu fünft: Felix, Emma, Christian (erst dort kennengelernt, aboluter Sahnekerl) und Fabian. Nach ein oder zwei Tagen haben wir uns ein Auto gemietet (selbstverständlich wieder den guten Sonata) und sind damit nach Banff, einer Stadt in den ROCKIES gefahren. Es war unfassbar kalt, der Schnee wurde auf den Highway geweht, die Haare froren zusammen und manche Kanadier machten den Reisverschluss an der Jacke zu! Der Banff Nationalpark erstreckt sich über locker 100km, ein Auto ist also notwenig. Leider war die Straße zum wohl bekanntesten See in den Rockies durch den Schneefall gesperrt, zum Lake Louise konnte man aber. Man sieht in der Regel nur Fotos von den Seen im Sommer, türkis mit kleinen Schleierwolken am Hintergrund und verschneiten Berggipfeln. Bei uns war es weiß. Alles. Wir waren zwei Tage hintereinander dort, am zweiten waren wir sogar Schlittschuhlaufen, wo sich der ein oder andere brutalst auf der Eis zerlegte. Ich nicht, aber das hatte ich wohl eher meiner sehr geringen Risikobereitschaft als meinen Fahrkünsten zu verdanken. Emma, die sich schon zwei Tage in Folge auf der Treppe auf der Arbeit hingepackt hatte, schien sich vorgenommen zu haben, das Farbenspiel an Rücken und Hintern durch einen gewangten Sprung ohne Schraube auf Knie und Arme abzurunden. Am nächsten Tag waren schlimme Kopfschmerzen durch den Sturz angesagt, aber ich hatte mir nichts vorzuwerfen: als ich mich nach Minuten des Lachens beruhigt hatte, hab ich ihr hochgeholfen!
Nach unseren zwei Tagen Abenteuer sind die Jungs und Ich zu RAM Cleaning Service gefahren, um uns dort für einen Job als Schneeschieber vorzustellen. Wir bekamen den Job und mussten gleich los, ausgerüstet mit Wegbeschreibungen von dem Office zu den jeweiligen Jobs und wieder zurück, Streusalz, Schneebläser, Schneeschüppe und Tankkarte. Das war also unser Job für den Monat. Leider schneite es nicht so oft, wie wir erwartet hätten, aber im Nachhinein waren die 8-9 Tage in den 25 Tagen schon eine ganze Menge, wie wir später erfuhren. Der Job war einfache SPITZE! Ich hab ihn GELIEBT! Über die Hälfte der Zeit verbrachte man damit, im Berufsverkehr zu stecken und Musik zu hören. Manche Kunden waren anstrengend und hätten mich am Liebsten mit Schneeschüppe ganze Gletscher entfernen lassen, andere Passanten klopften mir im Vorbeigehen auf die Schulter und bedankten sich dafür, dass ich ihnen den Weg frei machte. Wieder mal ein Beispiel kanadischer Höflichkeit: Als ich einem Passanten Streusalz in die Augen schmiss, den ich durch Kopfhörer in den Ohren und Mütze über den Augen nicht bemerkt hatte, entschuldigte ich mich 1000x. Er wehrte ab und schüttelte mir die Hand mit den Worten: „Das macht nichts! Danke, dass du das machst!“ In Deutschland wäre man bei gleichen Szenario mindestens hart beschimpft worden 😀
Der Job war besonders durch unsere Vorgesetzten spitze! Ich hatte stinkende Männer mit schlechter Laune, Mundgeruch und surrealen Vorstellungen an uns vorgestellt; es war eine Gruppe hilfsbereiter und uns wertschätzender Frauen, die uns am Funk hin und her koordinierten und uns zu Weihnachten einen RAM Cleaning Service Teebecher schenkten 😀
Nach etwa zwei Wochen kam Maren aus Ottawa wieder dazu und lies unsere Gruppe wieder auf fünf wachsen, nachdem Fabian gleich in Banff in den Rockies geblieben war. Weihnachten sind wir spazieren gegangen und haben zusammen gekocht, wir haben Weihnachtsmusik gehört und versucht Stille Nacht auf Gitarre zu spielen, wir haben mit unseren Familien telefoniert und Weihnachtsschokolade gegessen – und doch muss man sagen, dass es nicht geholfen hat. Es wollte einfach keine Weihnachtsstimmung aufkommen ohne die Familie, ohne Baum und ohne Geschenke… Twar war es ein absolut toller Tag, aber kein Weihnachtstag. Als ich am nächsten Tag in die Kirche ging, um wenigstens mal zuzugucken, wie man das hier drüben macht, stieß ich auf eine kleine Sekte, bestehend aus 5-6 Leuten, die um den Altar herumsaßen und in Minutentakt aufstanden und sich wieder setzten. Da wollte ich mich nicht so gerne dazusetzen, ich wollte singen oder pubertierende Pickelgesichter beim Krippenspiel ins Mikro nuscheln sehen. Also kein Weihnachten 2013 , kommen ja hoffentlich noch etliche auf mich zu 🙂
An Silvester wussten wir also, welch Stimmungstief auf uns lauerte, aber dieses Mal waren wir vorbereitet: Pizza, Bier, Wodka und Bier bliesen zum Angriff gegen das Heimweh und hatten bei mir schon um ca. 17 Uhr gewonnen 😀 Gefeiert wurde bei einem sehr ambitionierten Couchsurfinghost auf der anderen Seite Calgary’s (Norden, Calgary wird durch einen Fluss geteilt), der seine Türen für Reisende aus aller Welt, die sich zu der Zeit in Calgary gefanden, geöffnet hatte! Die Party war geil, auch wenn Silvester sehr hintergründig gefeiert wurde. In kanada gibt es kein Feuerwerk zu kaufen, und so sieht niemand einen Grund, zu Null Uhr rauszugehen und sich in die Arme zu fallen. Man war sich also nicht sicher, ob die Leute nur wieder den nächsten Song feierten oder irgendwo dazwischen wirklich das Jahr gewechselt hatte. Deswegen sind wir kurz vor Null vor die Tür gegangen, haben uns umarmt und ein bärtiger Kanadier, der schon seit einigen Stunden mit seiner Jägermeisterflasche vor der Tür stand, hat uns ein Taschentuch angezündet als Feuerwerkersatz 😀 Es war anders, aber die Party war klasse. Als die meisten gegen halb 4 auf dem von Bier getränkten Teppich einschliefen, entschieden Christian und ich den Fußweg von ca. 90 Minuten in Angriff zu nehmen anstatt dort zu schlafen und auf den Bus zu warten. Es hatte die ganze Nacht durchgeschneit und es war recht schwer, die Straßen und Gehwege zu erkennen und die Füße mit jedem Schritt aus dem Schnee zu ziehen, aber am Ende lagen wir totmüde und glücklich in unserem Bett.
An Neujahr musste ich feststellen, dass eines der wenigen Biere am Vortag wahrscheinlich abgelaufen war ( 😉 ) und ich musste noch packen und mich auf den Weg zumFlughafen zu machen, um meinen Papa in Vancouver zu treffen. Der Abschied war überraschend hart! Ich hatte komischerweise nie darüber nachgedacht, dass ganze ja fast ein ganzer Monat war. Und was für einer: 5 Menschen auf 20m² über Wochen, ohne sich zu streiten und immer mit einem Grinsen auf den Lippen, das soll uns erst mal einer nachmachen! Ich habe das Gefühl, mit den Leuten könnte ich ans Ende der Welt reisen! Und als ich mit dem schlimmsten Kater 2014 mit dem sturzbesoffenen Tommy auf der Rückbank des Jeeps ohne Fenster geschnallt war, hatte ich keine Ahnung, wie ich den Flug, geschweige denn die Fähre von Vancouver Downtown nach Vancouver North überstehen sollte, wenn mich schon die ersten beinahe fehlgeschlagenen Schaltversuche von Christian zu Hitzewallungen und Schnappatmung brachten und mir einfiel, dass ich kein Fenster und keine Tüte griffbereit hatte. Aber Tommy tat das einzig richtige: Er hielt mir grinsend / schielend eine Dose Bier vor die Nase (dass kein geöffneter Alkohol im Auto sein darf, hat ihn nie interessiert). Eigentlich brachte mich der Gedanke an Bier schon halb um, aber man muss Freunden auch mal vertrauen. Und nach den ersten Schlücken war ich komplett entspannt, der Kater war ausgekontert, Christian erinnerte sich wieder wie ein Schaltwagen funktionierte und Schumis Zustand stabilisierte sich!
Und jetzt, jetzt bin ich hier in Vancouver, im Hotel. Mit Papa! Und wünsche euch nachträglich ein frohes Neues Jahr und hoffe, dass ihr ein besseres Weihnachtsfest hattet und es euch gut geht! 🙂
Ich muss mich jetzt auch mal langsam wieder Papa widmen, der will ein Bier trinken – und ich mag Bier 😀
Euer Max








